Institut für Geschichte und Ethik der Medizin



Projekt: „Alleinstehende Frauen“, „Freundinnen“, „Frauenliebende Frauen“ – Lesbische Lebenswelten im deutschen Südwesten (ca. 1920er-1970er Jahre), Teilprojekt Medizingeschichte

 


Kooperationsprojekt „Alleinstehende Frauen“, „Freundinnen“, „Frauenliebende Frauen“ – Lesbische Lebenswelten im deutschen Südwesten (ca. 1920er-1970er Jahre) zwischen Prof. Dr. Patzel-Mattern (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Historisches Seminar), Prof. Dr. Karen Nolte (Ruprecht-Karls-Universität, Medizingeschichte) und Prof. Dr. Sylvia Paletschek (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Historisches Seminar)
 

Projektleitung
Prof. Dr. Karen Nolte
Projektbearbeitung
Steff Kunz

Laufzeit: 01.03.2021 - 31.08.2022


Projektbeschreibung

Die Geschichte weiblicher Homosexualität führt in der akademischen Forschung immer noch ein Schattendasein. Das gilt, obwohl in den letzten Jahrzehnten einschlägige Forschungsarbeiten entstanden sind – vielfach jenseits der Universitäten und Akademien. Vor allem im Vergleich zur Geschichte männlicher Homosexualität fällt die Randständigkeit auf. Aber auch in der Frauen-, Geschlechter- und Sexualitätsgeschichte, werden Frauen liebende Frauen und lesbisches Begehren oft ausgeblendet. So steht die historische Forschung bis heute vor großen Herausforderungen. Waren es zunächst Ressentiments und Repressionen gegenüber weiblicher Homosexualität, die die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema hemmten, so führten das Verschweigen und Verdrängen lesbischen Lebens aus der Öffentlichkeit zu dem heute oft beklagten Quellenmangel. Aufgrund dessen ist über die Lebenssituation, die Diskriminierungen und Emanzipationsbestrebungen frauenliebender Frauen bisher sehr wenig bekannt.

Ziel des gemeinschaftlichen Forschungsprojekts „Alleinstehende Frauen“, „Freundinnen“, „Frauenliebende Frauen“ – Lesbische Lebenswelten im deutschen Südwesten (ca. 1920er-1970er Jahre) ist es, Lebenswelten von Frauen liebenden Frauen außerhalb der großen Metropolen wie Berlin oder Hamburg zu erschließen. Es wird vom MWK Baden-Württemberg finanziert und ist an den Universitäten Heidelberg und Freiburg angesiedelt. Fünf Leitfragen strukturieren die Untersuchung:

Wie haben lesbische Frauen im deutschen Südwesten gelebt? Auf welche Hindernisse, Diskriminierungen und Verfolgungen stießen sie, insbesondere in der NS-Zeit, in der die lebendige und vielfältige homosexuelle und lesbische Kultur der Weimarer Republik weitgehend zerschlagen wurde? Welche Nachwirkungen hatten diese Verfolgungen und Ausgrenzungen durch den Nationalsozialismus in der Zeit nach 1945? Wie gestaltete sich lesbisches Leben in den 1950er und 1960er Jahren, welchen Handlungsspielraum hatten Frauen liebende Frauen? Wie interagierten lesbische Frauen mit den durch Politik, Recht, Gesellschaft und Wissenschaft gesetzten Normen?

Schwerpunkte des Teilprojekts „Medizin- und wissenschaftsgeschichtliche Perspektive“

Das Teilprojekt rekonstruiert, wie im Südwesten die Medizin, besonders die Psychiatrie, mit weiblicher Homosexualität im Untersuchungszeitraum umging, indem aus Publikationen und publizierten Kasuistiken herausgearbeitet wird, wie Wissenschaftler*innen der Psychiatrie und den benachbarten Disziplinen sich bezüglich dieses Themas positioniert haben. Welche Wissenschaftler*innen haben sich besonders hervorgetan? Im zweiten Schritt sollen mit dem patientenhistorischen Ansatz Fallvignetten von frauenliebenden Frauen und Cross-Dresser*innen rekonstruiert werden, indem die in den psychiatrischen Patientenakten aufzufindenden Spuren in andere Quellen weiterverfolgt werden (Fürsorgeakten, Polizeiakten und Gerichtsakten). Auf diese Weise können aus dieser Perspektive Lebenswege frauenliebender Frauen sichtbar gemacht werden.



DFG-Forschungsprojekt

 
„Frauen in ver-rückten Lebenswelten“ – Diskurse und Praktiken im Umgang mit „Verrücktheit“ in der westdeutschen Frauengesundheitsbewegung von den 1970er bis 1990er Jahren

Das Heidelberger Forschungsprojekt ist Teil der DFG-Forschungsgruppe NORMAL#VERRÜCKT. Zeitgeschichte einer erodierenden Differenz

 

Projektleitung
Prof. Dr. Karen Nolte
Projektbearbeitung
Dr. Ulrike Klöppel
Vera Luckgei, MSc

 

Laufzeit: 01.10.2021–30.09.2024


Projektbeschreibung

Das Teilprojekt (TP) untersucht die Erosion der Leitdifferenz von normal und verrückt aus einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive. Zum einen wird der Umgang mit der Figur normal#verrückt in der Frauengesundheitsbewegung historisch untersucht, zum anderen nach dem Wandel des professionellen Selbstverständnisses der feministischen Akteur*innen in diesem Arbeitsfeld in den 1990er Jahren gefragt werden. Mitte der 1970er Jahre wurden in der Bundesrepublik Deutschland erste Frauengesundheitszentren sowie Feministische Therapiezentren gegründet. Das Projekt wird eine mikrohistorische Studie in Göttingen durchführen, da sich in dieser überschaubaren Universitätsstadt in der Provinz nicht nur ein dichtes Netz von Frauenprojekten entwickelte, die sich speziell an Frauen in psychischen Krisen rich-teten, sondern die Göttinger*innen auch überregional im Bereich der Feministischen Therapie als Akteur*innen in Erscheinung traten. Die Akteur*innen der Frauengesundheitsbewegung vertraten eine dezidiert gesellschafts- und psychiatriekritische Position, da sie Pathologisierung und Psychiatrisierung von Frauen als Ausdruck patriarchaler gesellschaftlicher Struktu-ren deuteten. In dem Forschungsprojekt soll daher erstens danach gefragt werden, welche alternativen Konzepte zur „Verrücktheit“ und zur Therapie Akteur*innen der Frauengesundheitsbewegung entwickelten. Dabei ist von Interesse, welche Überschneidungen und Diffe-renzen zur antipsychiatrischen Bewegung bestanden, und inwieweit Diskurse und Praktiken der Frauengesundheitsbewegung alternative Konzepte zur Differenz von normal und verrückt hervorbrachten. Anhand von Fallstudien einzelner Initiativen und Akteur*innen soll das Spannungsverhältnis von angestrebter Entpathologisierung bei gleichzeitiger Therapeutisierung von Frauen analysiert werden. Zweitens soll nach dem konflikthaften Prozess der Professio-nalisierung der Frauenprojekte in den 1990er Jahren und dem Selbstverständnis der Akteur*innen in diesen Projekten gefragt werden, die sich im Laufe der 1990er Jahre von Frauenselbsthilfe- zu Beratungseinrichtungen mit professionell ausgebildeten Berater*innen und Therapeut*innen wandelten. Drittens soll untersucht werden, welche Form von alternativem Wissen resp. Gegenwissen im Kontext Feministischer Therapie etabliert wurde, wie in dieser Wissensproduktion Geschlecht im Kontext von normal#verrückt konzeptionalisiert und welche Ein- und Ausschlüsse produziert wurden.