Institut für Geschichte und Ethik der Medizin

 

Historische Entwicklung des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin

 

  • Zeit vor der Gründung des Instituts
  • Etablierung des Instituts für Geschichte der Medizin
  • Direktorat von Wolfgang U. Eckart
  • Direktorat von Karen Nolte
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    Zeit vor der Gründung des Instituts

    Schon lange vor der Errichtung eines Instituts für Geschichte der Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg 1961 wurden von einzelnen Dozenten der Medizinischen Fakultät Vorlesungen zur Medizingeschichte abgehalten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren medizinhistorische Kenntnisse, d.h. das Wissen um die Diagnostik und Therapie der alten Autoritäten, für die praktische Ausübung des ärztlichen Berufes wertvoll. Während sich andern Orts erste professionelle Medizinhistoriker*innen etablierten, blieb die Disziplin in Heidelberg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch die Domäne von Ärzten, die Forschung und Lehre der Medizingeschichte im Nebenberuf ausübten. Walter Pagel (1898–1983), der 1930 von dem Ordinarius Alexander Schmincke (1877–1953) als Assistent nach Heidelberg geholt wurde, war der Erste, der an der Heidelberger Medizinischen Fakultät neben der Venia Legendi für Pathologie auch die für Geschichte der Medizin erhielt. Nachdem ihm im Zuge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ am 1. August 1933 die Lehrerlaubnis entzogen wurde, sah er sich gezwungen mit seiner Familie nach Großbritannien zu emigrieren. 1937 bis 1945 hielt der Lehrstuhlinhaber für Physiologie Johann Daniel Achelis (1898–1963), der als überzeugter Nationalsozialist für die Selbstgleichschaltung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften sorgte, Vorlesungen zur Medizingeschichte. Auf sein Betreiben hin unterstützte die Akademie den Aufbau einer medizinhistorischen Fachbibliothek. Diese Sammlung, besonders die alter Drucke aus dem 15. und 16. Jahrhundert, ist bis heute in der Bibliothek des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg überliefert. Achelies scheiterte jedoch 1941 mit seinem Versuch, ein eigenständiges Institut für Geschichte der Medizin zu gründen. Der Direktor der Heidelberger Hautklinik Walther Schönfeld (1888–1977) hielt im Wintersemester 1954/55 wieder eine Vorlesung zur Medizingeschichte und setzte diese regelmäßig bis 1961 fort. Schönfeld erweiterte die medizinhistorische Bibliothek und betrieb erfolgreich die Einrichtung eines Instituts für Geschichte der Medizin. Auf ihrer Sitzung vom 14. Mai 1959 beschloss die Medizinische Fakultät in Heidelberg, einen Antrag auf Einrichtung eines Extraordinariats für Geschichte der Medizin zu stellen, der Ende des Jahres von der Landesregierung in Stuttgart genehmigt wurde.

     

    Etablierung des Instituts für Geschichte der Medizin

    Am 4. Juli 1961 nahm Heinrich Schipperges (1918–2003) aus Kiel den Ruf an, nachdem ihm adäquate Räumlichkeiten (in der Heidelberger Altstadt, Sofienstraße 3) und das persönliche Ordinariat zugesichert worden waren. In Heidelberg setzte Schipperges seine Forschungen zur Antike und zum Mittelalter fort. Große Bedeutung erlangten z.B. seine Studien zu Petrus Hispanus. Hinzu kamen Veröffentlichungen zur medizinischen Anthropologie, zur medizinischen Futurologie sowie zur Medizintheorie, also zur künftigen Orientierung der Medizin. Im Juni 1974 zog das Institut aus der Heidelberger Altstadt in das Theoretikum der Medizinischen Fakultät im Neuenheimer Feld um. Unter dem Direktorat von Heinrich Schipperges, das bis 1986 dauerte, habilitierten sich im Fach Medizingeschichte Axel Bauer, Dieter Jetter, Dietrich von Engelhardt, Hans Lauer, Wolfram Schmitt und Eduard Seidler.

     

    Direktorat von Wolfgang U. Eckart

    Nach fast sechsjähriger Vakanz erhielt das Institut am 1. April 1992 mit Wolfgang U. Eckart (*1952) einen neuen Ordinarius und Institutsdirektor. Zu seinen Forschungsgebieten gehören das Entstehen der neuzeitlichen Medizin im 16. und 17. Jahrhundert, Medizin in der schönen Literatur, Medizin im europäischen Kolonialimperialismus, Ärztliche Mission, Medizin und Krieg, Geschichte der medizinischen Forschungsförderung der DFG (1920–1970) und die Geschichte der Leopoldina. Er war an dem DFG-Forschungsprojekt zur „Wissenschaftlichen Erschließung und Auswertung des Krankenaktenbestandes der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktion T4“ (2001–2007) beteiligt. Maike Rotzoll, seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut, entwickelte aufbauend auf diesem Projekt eine Reihe weiterer grundlegender Forschungsprojekte zur Geschichte der nationalsozialistischen Krankenmorde. Sie leitete u. a. das Erkenntnistransferprojekt (DFG) „Erinnern heißt Gedenken und Informieren. Die nationalsozialistische ‚Euthanasie‘ und der historische Ort Berliner Tiergartenstraße 4“ (2012–2016). Unter ihrer Leitung entstanden auch zahlreiche Projekte in Kooperation mit der Sammlung Prinzhorn wie das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt „Uniform und Eigensinn. Militarismus, Weltkrieg und Kunst in der Psychiatrie“ (2013–2019). Zugleich wurden am Institut grundlegende Forschungen zur Geschichte der Infektiologie, Bakteriologie sowie Forschung zu Impfstoffen initiiert: Unter Christoph Gradmanns Leitung, der von 1995 bis 2006 am Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt war, wurde das von der DFG geförderte Projekt „Impfstoffe zwischen Labor, Fabrik und Büro: Wertbestimmungsverfahren als dynamisches Regulativ zwischen Serumforschung, Serumindustrie und Gesundheitspolitik 1890-1918“ (2003-2006) durchgeführt. Christoph Gradmann forschte ferner über Robert Koch und in einer Joint Research Group mit Christian Bonah (Strasbourg, Frankreich), Jean-Paul Gaudillière (Villejuif, Frankreich) und Volker Hess (Berlin) zur Standardisierung biologischer Heilmittel. Ein weiterer Arbeitsbereich des Instituts war „Medizingeschichte und Film“: Philipp Osten, der von 2007 bis 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut beschäftigt war, führte zusammen mit Christian Bonah (Université de Strasbourg) das von der EU im Rahmen des Programms Interreg Oberrhein/Rhin Supérieur geförderte Forschungsprojekt Oberrhein im Gebrauchsfilm: Projektionen von Erinnerung, Geschichte und Identitäten 1900-1970 (2012–2015) durch. Unter Philipp Ostens Leitung war das Institut zudem an dem Verbundprojekt „Präventionsentscheidungen: Die Interaktion von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik bei der Begründung und Umsetzung staatlicher Präventionsprogramme für Kinder und Jugendliche“ (2012–2015) beteiligt. Unter dem Direktorat von Wolfgang U. Eckart habilitierten sich im Fach Medizingeschichte: Ralf Bröer, Christoph Gradmann, Philipp Osten und Maike Rotzoll sowie im Fach Medizinethik Monika Bobbert.

     

    Entstehung der Medizinethik in Heidelberg

    Auf Initiative von Dekan Prof. Dr. Dr. Hans-Günther Sonntag und Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart stellte das Land Baden-Württemberg im Jahr 2001 eine Mittelbaustelle zur Förderung der „Ethik in der Medizin“ zur Verfügung, die mit der Ethikerin und Psychologin Monika Bobbert (zuvor am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen) besetzt wurde. Nach erfolgreicher Evaluation wurde die Stelle 2004 von der Medizinischen Fakultät Heidelberg dauerhaft etatisiert. Auf diese Weise konnten die Medizinethik-Aktivitäten des Institutsdirektors Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart ausgebaut und strukturell verankert werden. Monika Bobbert, die sich 2008 an der Fakultät zum Thema „Ethische Fragen der Behandlungsbegrenzung“ habilitierte, etablierte neben Vorlesungen und Seminaren für Medizinstudierende zahlreiche Kooperationsprojekte mit Kliniker*innen. In der Zeit von 2001 bis 2012 wurden die Forschungsschwerpunkte Behandlungsbegrenzung, Organtransplantation, Humangenetik und Reproduktionsmedizin sowie Forschung am Menschen aus ethischer Sicht bearbeitet. Politikberatung zu Fragen der Forschung am Menschen erfolgte auf nationaler und europäischer Ebene (u.a. Stellungnahme „The Issue of Embryonic Stem Cells and Chimeras“ für die Intergroup on Bio-Ethics, EU-Parlament Straßburg, 2006; Drittmittelprojekt des Deutschen Bundestages „Patienten- und Proband*innenschutz in der medizinischen Forschung“ 2004; Stellungnahme zur „Forschung an Kindern“ für die Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ des Deutschen Bundestages, 2003). 2001 begann auch die enge Kooperation mit dem von dem Krankenhausseelsorger Thomas Wiegant 1998 initiierten Arbeitskreis Klinisches Ethik-Konsil (AKEK). Ausgehend von diesem Arbeitskreis konnte – zunächst durch Unterstützung der Medizinischen Klinik Heidelberg, dann durch Universitätsklinikum und Fakultät in Heidelberg – 2007 eine Stelle für die „Klinische Ethikberatung“ etabliert werden, die mit der Philosophin Dr. Beate Herrmann besetzt wurde. 2011 entwickelte das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin gemeinsam mit dem AKEK und dem Vorstand des Universitätsklinikums Heidelberg ein Ethikstruktur-Konzept, das ein Klinisches Ethikkomitee (KEK), eine klinische Ethikberatungsstelle und einen unabhängigen externen Ethikbeirat zur Beratung des Vorstands des Universitätsklinikums beinhaltet. Seit der Gründung im Jahre 2011 ist Beate Herrmann Vorsitzende des KEK. Am 7. Juli 2009 stimmte der Senat der Universität Heidelberg der Umbenennung des „Instituts für Geschichte der Medizin“ in „Institut für Geschichte und Ethik der Medizin“ zu.

     

    Direktorat von Karen Nolte

    Die Nachfolge Wolfgang U. Eckarts trat die Historikerin Karen Nolte (*1967) am 1. Februar 2018 an. Zu ihren Forschungsgebieten gehören die Geschichte von Psychiatrie, Reproduktion, Geburtshilfe, Medizinischer Ethik und Pflege sowie anderer Gesundheitsberufe, Geschlechter- und Körpergeschichte der Medizin, Sammlungsgeschichte und materiale Kultur von Medizin und Pflege im 19. und 20. Jahrhundert. Unter ihrem Direktorat werden bereits bestehende Forschungsschwerpunkte, darunter (post-) koloniale und globale sowie die Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus, fortgeführt und erweitert wie die Geschichte der Psychiatrie im 19. und 20. Jahrhundert, die wissenschaftshistorisch, patientenhistorisch und pflegehistorisch untersucht wird. Folgende neue Forschungsschwerpunkte haben sich im Institut herausgebildet: Professionalisierung, Praktiken und ihre materielle Kultur sowie Selbstbildungsprozesse in der Krankenpflege im 19. und 20. Jahrhundert stellen einen Fokus der Forschung dar. Medizinhistoriker*innen und -ethiker*innen analysieren in engem Austausch gesellschaftliche, kulturelle, materielle und wissenschaftliche Dimensionen von Reproduktion resp. Geburtshilfe. Damit wird nun Gender History ebenfalls zu einem wichtigen neuen Arbeitsbereich des Instituts, im Rahmen dessen zudem die Frauengesundheitsbewegung historisch untersucht wird. Dabei werden neue Wege beschritten, indem in engem Austausch mit Betroffenen, Patient*innen, Aktivist*innen geforscht wird. Gesellschaftliche Herausforderungen wie Digitalisierung und Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen werden medizin- und pflegeethisch analysiert und in ihren historischen Dimensionen beleuchtet. Eine Expertise zu Fragen der Geschichte und Ethik der Gesundheitskommunikation kam ebenfalls hinzu.