Studium an der Medizinischen Fakultät

Medi-KIT

"Wie geht's uns denn heute?"

Kommunikations- und Interaktionstraining der besonderen Art

 

Bauchschmerzen

Herr Müller, ein dreiundfünfzigjähriger Schreiner, krümmt sich vor Schmerzen.

"Ach, Frau Doktor, mir geht es gar nicht gut!"
"Was fehlt Ihnen?" fragt die junge Ärztin.
"Bauchschmerzen, ach, ich halte es kaum noch aus!" Der Patient stöhnt und jammert, und die Ärztin hat Mühe, ihm genauere Angaben zu entlocken.
"Seit wann haben Sie Beschwerden?"
"So schlimm erst seit gestern Abend."


Die Ärztin fragt weiter, versucht herauszufinden, wodurch Herrn Müllers Bauchschmerzen verursacht sein könnten und erklärt dem Patienten schließlich die geplanten Untersuchungen.
Eine ganz normale Situation, wie sie im Klinik- und Praxisalltag ständig vorkommt.
Doch dieses Gespräch findet nicht in einer Arztpraxis statt, sondern in einem Übungsraum der Station Innere. Herr Müller heißt nicht Müller, und er arbeitet auch nicht als Schreiner. Vor allem aber ist er kerngesund!
Die junge Ärztin will erst eine werden, sie ist Medizinstudentin im sechsten Semester und absolviert derzeit das HeiCuMed-Semester im Block "Innere Medizin". Und ein wichtiger Bestandteil des neuen Curriculums ist das Arbeiten an Simulationsmodellen.

Charakterdarsteller einmal anders...

Jener "Herr Müller" arbeitet in seiner Freizeit als Laienschauspieler an einem kleinen Theater. Doch diesmal probt er zusammen mit anderen Laienschauspielern umliegender Kleintheater nicht etwa Molières "Eingebildeten Kranken", sondern sie stellen Patienten dar, wie sie im "richtigen" Leben in einer Klinik oder Arztpraxis vorkommen - mit Bauchschmerzen, Atembeschwerden, Herzproblemen. Sie sollen als sogenannte "Standardisierte Patienten" den künftigen Ärzten kommunikatives Rüstzeug mitgeben, damit aus ihnen keine wortkargen oder unsicheren "Halbgötter in Weiß" werden, die mit unverständlichen lateinischen Fachausdrücken um sich werfen oder die Patienten mit einem lapidaren "Wie geht's uns denn heute?" oder "Wird schon wieder!" abspeisen.
Die Laienschauspieler studieren unterschiedliche Charaktere mit deren Krankheitssymptomen ein, um den Studenten perfekte Rollenspielpartner zu sein. Eine Schauspielerin, die selbst einmal Krankenschwester war, übernimmt die Inszenierung. Vorher jedoch werden die Darsteller in Einzelgesprächen auf ihre Rollen vorbereitet, damit sie die jeweiligen Krankheiten kennen und wissen, was sie auf bestimmte Fragen zu antworten haben.

"Sie haben mir das richtig gut erklärt!"

So direkt wird selten ein Patient auf den Arzt reagieren, im Gegenteil, kaum ein Patient spiegelt seinem Arzt zurück, ob er sich von ihm ernst genommen fühlt. Die Rollenspiele bei Medi-KIT erlauben aber genau das im "richtigen" Medizineralltag Ungewöhnliche: Die Standardisierten Patienten geben den Medizinstudenten ein Feedback über ihre Gesprächsführung. Damit sollen die Studenten ermutigt und motiviert werden, sich permanent in der Gestaltung des Arzt-Patienten-Kontaktes zu verbessern.

Was ist das nun genau - Medi-KIT?

Das Kommunikations- und Interaktionstraining für Medizinstudenten, genannt Medi-KIT, soll es den Studenten ermöglichen, Gesprächsführung in schwierigen Situationen zu üben, um eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung herzustellen. Die künftigen Mediziner können schwierige Anamneseerhebungen und Gesprächsituationen erst in einem geschützten Rahmen üben und erhalten für ihr Gesprächsverhalten ein entsprechendes Feedback. Diese Gespräche werden per Video aufgezeichnet, so dass die Studenten die Möglichkeit haben, ihr eigenes Kommunikationsverhalten zu beobachten, aus ihren Fehlern zu lernen und für den Einsatz am Patienten besser vorbereitet zu sein. Damit können Verunsicherungen und Ängste seitens der jungen Ärzte vermindert und die Patientensicherheit erhöht werden.
Gleichzeitig ist dieses Kommunikationstraining eine Diagnostikschulung, denn die Standardisierten Patienten setzen die Leitsymptome in Szene. So lernen die Studenten typische Beschwerdebilder aus der Inneren Medizin ganz praxisnah kennen.

Warum muss Kommunikationsfähigkeit geübt werden?

Bei der bisherigen medizinischen Ausbildung spielten Kommunikationsfähigkeit und sensibler Umgang mit Patienten so gut wie keine Rolle. Im medizinischen Alltag jedoch gewinnt eine einfühlsame Gesprächsführung immer mehr an Bedeutung. Immer wieder werden Mediziner mit solchen Fragen konfrontiert: Worauf kommt es an, wenn man einen unheilbar Kranken aufklären muss? Wie verständigt man sich mit einer Patientin, die kein Wort Deutsch kann? Wie erreicht man uneinsichtige Patienten oder diejenigen, die abwiegeln: "Mir fehlt doch gar nichts!" und ihre Symptome systematisch ignorieren? Wie stoppt man den Erzähldrang mancher Erkrankten, ohne dass sie das Gefühl bekommen, nicht ernst genommen zu werden?
In Medi-KIT können die Studenten üben, solche und andere Gespräche sinnvoll zu strukturieren, selbst wenn sie unter Zeitdruck stehen.

 



Ansprechpartner:

PD Dr. Jobst Schultz
jobst-hendrik.schultz@med.uni-heidelberg.de