Studium an der Medizinischen Fakultät

Problemorientiertes Lernen (POL)

Fakten allein machen noch keinen guten Arzt

 

Was ist POL?

 

Das herkömmliche Medizinstudium ist eine große Herausforderung für die Merkfähigkeit und den Ehrgeiz der Studenten. Doch nichts garantiert, dass all die Fakten, die sich ohnehin auf Dauer niemand merken kann, im Kopf bleiben. Beim Problemorientierten Lernen (POL), dessen Methodik bereits seit Jahren fester Bestandteil der Ausbildung an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg ist, erarbeiten Studenten in Kleingruppen von 6-8 Teilnehmern Lernziele anhand von konkreten Kasuistiken. Hier gilt es, neben dem klassischen Wissenserwerb vor allem eigene Problemlösungsstrategien zu entwickeln, fachorientiertes und pragmatisches Denken zu üben. Damit wird den Teilnehmern im Gegensatz zu konventionellen Lernsituationen nicht primär Wissen angeboten. Die Studierenden werden nicht, wie im Rahmen einer Vorlesung üblich, einer Assoziationskette ausgesetzt, sondern sollen selbst aktiv durch Diskussion und Spekulation in der Gruppe und anschließendes Selbststudium zur Lösung des Falles beitragen.
Somit stellt sich POL als eine praxisorientierte Methode dar, die den Studenten dazu bringen möchte, selbständig zu denken und eigene Fragen zu formulieren, deren Beantwortung über die Lösung des gestellten Problems das notwendige Faktenwissen konstituiert und komplettiert. POL fördert Interdisziplinarität dahingehend, dass die Teilnehmer aus den vielen Kapiteln des Faches diejenigen erarbeiten müssen, die bei der Problemlösung weiterhelfen könnten.
POL basiert auf der Erkenntnis, dass sich im Sinnzusammenhang Gelerntes und Verstandenes besser einprägt und auch dessen Herleitung erleichtert wird, falls ein Teil des Stoffes in Vergessenheit geraten sein sollte. Problemorientiertes Lernen bedeutet also "fächerübergreifendes Lernen", es richtet sich an Themen und Problemen statt an einzelnen Fächern und Diagnosen aus. Die Studenten sollen praxisrelevante Probleme lösen und dabei "Klinisches Denken" lernen, das es ihnen ermöglicht, die richtigen Fragen zu stellen. Mit dieser Lernmethode wird das ärztliche Entscheidungsvermögen gefördert.

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Wie wird POL durchgeführt?

Die Bearbeitung eines Falles sollte unter Beachtung der klassischen "8 Schritte" der POL-Methodik erfolgen.

  1. Informationsaufnahme / Begriffe klären
    Hindernisse in Form von unbekannten Begriffen aus dem Weg räumen.


  2. Problemdefinition
    Warum kommt der Patient? Was ist die klinische / wissenschaftliche Fragestellung?


  3. Brainstorming (Hypothesengenerierung)
    Aktivierung und Vernetzung des Vorwissens. Bewusstsein über das Verständnis des Falles erlangen. Stichpunktsammlung. Beiträge sollten zunächst unkommentiert bleiben. Wichtig ist die genaue Protokollierung aller Beiträge (Tafel, Flipchart)


  4. Zusammenfassung und systematische Ordnung
    Diskussion, Prüfung und Ordnung der gesammelten Hypothesen. Hier gilt aber auch, sich von manchen Ideen des Brainstormings zu trennen.
    Anmerkung: In dieser Phase der Bearbeitung werden wichtige Entscheidungen gefällt. Ob Tutoren hier eingreifen möchten, um das "Schlimmste" zu verhindern, bleibt in deren Ermessen - auch eine Fehlentscheidung ist letztlich mit Lernerfolg verbunden, denn wird im weiteren Ablauf die Lösung des Falles aufgedeckt, so wird das "Entsetzen" der Gruppe ob ihrer falschen Auswahl umso größer sein.


  5. Lernziele erstellen
    Auftauchende Wissenslücken und problematische Punkte in der Diskussionsphase werden gesammelt und eng gefasste Lernziele formuliert.
    Anmerkung: Es sollen möglichst spezielle Fragen formuliert werden. Wichtig ist im methodischen Zusammenhang, dass bei der Erstellung von Lernzielen alle Anwesenden beteiligt sind und miterleben, aufgrund welcher Ideen oder Vermutungen ein Lernziel entsteht.


  6. Studium
    Quellensuche (evtl. vorher Einführung in Literatur-Datenbanken).
    Beantwortung der Lernziele bis zum nächsten Treffen der Gruppe
    Anmerkung: Das Erlernen des effektiven Umgangs mit Quellenmaterial ist ein wichtiger Nebeneffekt (die Teilnehmer sind angehalten, ihre Quellen zu benennen). Auch die Befragung von anderen Lehrenden oder Experten auf dem zu bearbeitenden Gebiet ist erwünscht.


  7. Präsentation und Synthese der zusammengetragenen Informationen
    Beim nächsten Treffen der Gruppe erfolgt zunächst erneut die Problemdefinition. Anschließend wird das Gefundene und Erarbeitete besprochen. Die zuvor verteilten Themen sollen kurz präsentiert werden. Ziel ist eine erneute kompetente Diskussion über die Themen, die beim ersten Treffen mangels Wissen nicht ausreichend besprochen wurden. Kopien von Hand-outs sollten vorbereitet werden.
    Schließlich kommt es zum Abschluss des Falles, zur Lösung des Problems.


  8. Evaluation
    Oft auch als 8. Schritt, Feedback oder Blitzlicht bezeichnet, ist dies ein permanenter Prozess mit dem Ziel der Verbesserung durch Kritik an Inhalt und Form des Tutoriums.
    Anmerkung: Ohne Evaluation läuft eine Gruppe Gefahr, aufgrund mangelnder Kommunikation auseinander zu fallen. Missverständnisse gilt es hier (frühzeitig) auszuräumen
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Literatur

  1. Albanese MA, Mitchell S: Problem-based learning: a review of literature on its outcomes and implementation issues. Acad Med 68 (1993) 52-81
  2. Armstrong, EG: A hybrid model of problem-based learning. In: Boud D, Feletti G (eds.) The challange of problem-based learning. 2nd ed. London, Kogan Page 1997
  3. Barrows HS, Tamblyn RM: Problem-based learning: an approach to medical education. Springer Series on Medical Education. Springer Publishing Company, New York, 1980
  4. Boud D (Ed): Developing student autonomy in learning. Second Edition. Kogan Page, London, 1988
  5. Kaufmann A (Ed): Implementing problem-based medical education: lessons from successful innovations. Springer Series on Medical Education. Spring Publishing Company, New York, 1985
  6. Maudsley G; Do we all mean the same thing by ‚problem-based learning'? A review of the concepts and the fornulation of the ground rules. Acad Med 74 (1999) 178-185.
  7. Norman GR, Schmidt HG: The psychological basis of problem-based learning: a review of the evidence. Acad Med 67 (1992) 557-565
  8. Pfaff M: Problemorientiertes Lernen. ISBN 3-8261-0101-4, Chapman und Hall, Weinheim, 1997
  9. Schwinge IT, Kiessling C: Do we need different forms of problem-based learning? Student's experience with problem-based learning on a hospital ward. In: Coles C, Scheffner D, Schmidt C (Eds): Changing medical education. The Loccum Conference. Loccumer Protokolle 31/92. Evangelische Akademie, Rehburg-Loccum, 1995, p. 11-14
  10. Shin JH, Haynes RB, Johnston ME: Effect of problem-based, self-directed undergraduate education on life-long learning. Can Med Assoc J 148 (1993) 969-976
  11. Vernon DT, Blake RL: Does problem-based learning work? A meta-analysis of evaluative research. Acad Med 68 (1993) 550-563
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Weitere Informationen:

Frank Marks und Doris Thömen: Die Moderation des Problemorientierten Lernens (POL).
In: Neues Handbuch der Hochschullehre.
Raabe Fachverlag für Wissenschaftsinformationen. Berlin, 2002 (www.raabe.de)

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Michael Kirschfink
Institut für Immunologie, Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 305, 69120 Heidelberg
Tel: 06221-56-4076
E-mail: michael.kirschfink@urz.uni-heidelberg.de

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