Institut für Geschichte und Ethik der Medizin

 

 

Pflegepraktiken und ihre materiale Kultur


Prof. Dr. Karen Nolte

Mit diesem Forschungsprojekt, das Objekte und die mit ihnen verbundenen Praktiken analysieren will, soll eine eine neue Perspektive auf die Geschichte der Pflege und die bislang bearbeiteten Fragestellungen dieses Forschungsfelds gerichtet werden. So wird die historische Entwicklung der Verberuflichung von Krankenpflege in Deutschland objektzentriert rekonstruiert und herausgearbeitet mit welchen Praktiken das jeweilige berufliche Selbstverständnis sowie Konzeptionen pflegerischer Kompetenz hergestellt wurden. Die Objekte, die Pflegende in alltäglichem Gebrauch hatten, werden nicht nur nach ihrem impliziten Wissen befragt, sondern darüber hinaus, ihre Materialität, ihre Funktionalität und ihr „Handling“ untersucht, um Erkenntnisse über Routinen in der pflegerischen Praxis im 19. Und 20. Jahrhundert zu gewinnen. Das Forschungsvorhaben schließt an die grundlegenden Befunde der BMBF geförderten Forscher*innengruppe „Dinge der Pflege“ (Artner/Atzl et al. 2017) an.

 


Topos Krise? Darstellungen von Pflegenotständen und die Initiativen zur „Modernisierung“ der Krankenpflege nach 1945

Dr. Christian Sammer

Der Beruf der Krankenpflege ist aktuell in der Krise: Schlechte Bezahlung, verdichtete Arbeitsabläufe, wenig Gestaltungsspielraum und unzureichende Personalschlüssel würden zu einer hohen Quote derjenigen Pflegerinnen und Pfleger führen, die dem Beruf rasch den Rücken zuwendeten. Zu wenige Pfleger*innen seien die Folge. Angesichts einer prognostizierten Steigerung des Bedarfs an Pflegekräften taumele des Systems der medizinischen Versorgung in eine absehbare Katastrophe, so der Tenor in der Publizistik der letzten Jahre. Doch die Beschwörungen der Defizite des Pflegeberufs wiederholen sich beständig. Beschreibungen des Problems und seiner Lösungen – forcierte Anwerbung, Public-Relations-Maßnahmen wie auch die Bemühungen um eine Akademisierung des Berufs – verändern sich seit Jahrzehnten kaum. Angesichts dessen erscheint es mehr als notwendig, dem aktuellen Diskurs historische Tiefe zu verleihen und nach den Grenzen der Realisierung einerseits und den auch nicht-intendierten Wirkungen einer „modernisierten“ Krankenpflege andererseits zu fragen. Dafür werden im Rahmen des Projektes die historischen Wahrnehmungen der Pflegekrisen sowie Versuche der Modernisierung in Ausbildung und Praxis der Krankenpflege, wie beispielsweise an der Schwesternschule der Universität Heidelberg, im deutsch-deutschen Vergleich in den Blick genommen und in ihren europäischen und transatlantischen Kontexten situiert.

 

 

„Sektorenübergreifendes & integriertes Notfall- und Verfügungsmanagement für die letzte Lebensphase in stationärer Langzeitpflege“ (Novelle)
Teilprojekt: „Ethische Fragen des sektorenübergreifenden Notfall- und Verfügungsmanagements“

 

Förderung: GDA Innovationsfond
Projektleitung: Prof. Dr. Karen Nolte & Dr. Nadia Primc
Projektmitarbeiter: Dr. Giovanni Rubeis
Projektlaufzeit: 2019–2022

 

Der geplante Notfallalgorithmus soll den Pflegekräften in Einrichtungen der Langzeit- bzw. Altenpflege eine operationalisierte Entscheidung für oder gegen die Einleitung von potentiell lebenserhaltenden Maßnahmen bei Bewohner*innen ermöglichen. Die Vorenthaltung von potentiell lebenserhaltenden Maßnahmen ist in einer derartigen Situation nur dann als ethisch zulässig anzusehen, wenn solche Maßnahmen entweder für die Patient*innen mit keinerlei quantitativem oder qualitativem Nutzen verbunden sind (fehlende medizinische und pflegerische Indikation) und nur eine zusätzliche Belastung für selbigen darstellen würden, oder aber, wenn dies dem erklärten Willen des*der Patient*in widerspricht. Im ersteren Fall ist die Nichteinleitung von Notfallmaßnahmen im Rekurs auf das ethische Prinzip des Nicht-Schadens, im letzteren mit Verweis auf das ethische Prinzip der Achtung der Patientenautonomie zu rechtfertigen.

Um dem für Novelle zu entwickelnden Notfallalgorithmus und dem Prozess der Feststellung des Patientenwillens eine möglichst erschöpfende Typologie der in beiden Fallkonstellationen auftretenden pflegeethischen Konflikte zu Grunde legen zu können, ist in der ersten Projektphase mittels einer qualitativen pflegeethischen Studie zu ermitteln, wo Pflegekräfte ihrer Erfahrung nach in Notfallsituationen auf Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Patientenwillens oder auf Unsicherheiten hinsichtlich der Frage nach der Abwägung zwischen dem Prinzip des Nicht-Schadens und ihrer berufsethischen Verpflichtung zur Beförderung des Patientenwohles stoßen. Eine pflegeethische Typologie der relevanten Notfallsituationen und damit verbundenen ethischen Konflikten ist mittels der qualitativen Methode semistrukturierter Leitfadeninterviews zu erheben und zu Fallgeschichten herauszuarbeiten. In der zweiten Projektphase wird die Umsetzung des entwickelten Notfallalgorithmus in der Pflegepraxis mittels qualitativer Forschungsmethoden ethisch bewertet und begleitet.

Das ethische Teilprojekt geht der Frage nach, in welchen Fällen Pflegekräfte ihrer Erfahrung nach auf Schwierigkeiten hinsichtlich der Abwägung zwischen Willen und Wohl der Bewohner*innen sowie ihrer berufsethischen Verpflichtungen stoßen. Die mittels qualitativer Forschungsmethoden erhobenen Erkenntnisse werden in den Prozess der Entwicklung und Implementierung der Notfallalgorithmen eingespeist.

 

https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/neue-versorgungsformen/novelle-sektorenuebergreifendes-integriertes-notfall-und-verfuegungsmanagement-fuer-die-letzte-lebensphase-in-stationaerer-langzeitpflege.260