Institut für Geschichte und Ethik der Medizin

 

 

 „Risikokinder“. Eine Wissenschafts- und Gesellschaftsgeschichte der Schwangerschaft und Reproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Förderung: BMBF (Kleine Fächer)
Projektleitung: Dr. Birgit Nemec
Projektbearbeitung: Dr. Birgit Nemec, Kübra Göksel
Projektlaufzeit: 2019–2022

 

Im Kontext von Schwangerschaft und reproduktiver Gesundheit ist der Begriff des "Risikos" heute allgegenwärtig. Schädliche Umwelteinflüsse oder genetische Anomalien sind nur einige Beispiele solcher "Risiken", welchen mit spezifischen Strukturen der Gesundheitsvorsorge und Produkten zur Risikominderung entgegengetreten werden soll. In den Debatten sind medizinische Entwicklungen eng verwoben mit ethischen Debatten. Aus diesem Grund ist das Konzept des Risikos ein produktives Forschungsfeld einer Wissenschafts- sowie Gesellschaftsgeschichte. Das Projekt erforscht hierbei Auffassungen von Risiken in der Reproduktion sowie daran geknüpfte Vorstellungen der Prävention, wie sie sich in der Bundesrepublik von den 1950er bis 1990er Jahren veränderten.
In diesem Rahmen werden Quellen in Bezug auf unterschiedliche soziale Gruppen wie  medizinische Expert*innen, Lobbying-Einrichtungen oder Betroffene historisch-kritisch analysiert. Parallel wird ein Virtuelles Archiv von Quellen zur Reproduktiven Gesundheit gebildet.
Ziel des Projekts ist es zu zeigen, auf welchen unterschiedlichen Wegen das Konzept des Risikos Wissenschaft, klinische Praxis, rechtliche Richtlinien und individuelle Einstellungen zu Schwangerschaft und Reproduktion veränderte. Die Rekonstruktion dieses Wandels weist auf das Potential der Medizingeschichte hin, eine fundierte Orientierung in gesellschaftsrelevanten Fragen zu liefern.

 

  

 

Riskante Hormone, schwangere Patientinnen und die umstrittene Forschung zu angeborenen Fehlbildungen: der Aufstieg und Fall hormoneller Schwangerschaftstests in der Bundesrepublik und Großbritannien, 1950–81.

 

Förderung: DFG und AHRC
Projektleitung: Dr. Birgit Nemec
Laufzeit: 2020–2024
Projektpartner: Centre for the Social History of Health & HealthCare

  

Dieses Projekt untersucht den Aufstieg und Niedergang von hormonellen Schwangerschaftstests (hormone pregnancy tests, HPTs) in Zusammenarbeit mit Patient*innengruppen. Aus heutiger Perspektive mag es kaum vorstellbar sein, dass Ärzt*innen je Hormontabletten als Schwangerschaftstests verschrieben, doch kamen HPTs in den 1950er bis 1980er Jahren tatsächlich bei Millionen Frauen weltweit zur Anwendung. In der Zusammensetzung ident mit der heutigen Antibabypille, lösten HPTs menstruationsartige Blutungen aus, deren Ausbleiben eine Schwangerschaft anzeigte. Ab 1967 gerieten HPTs zunehmend in Verdacht, für eine Reihe angeborener Fehlbildungen verantwortlich zu sein, ähnlich jenen, die durch das berüchtigte Beruhigungsmittel Thalidomid verursacht worden waren. 1978 schlossen sich britische und westdeutsche Eltern von Kindern mit Fehlbildungen zusammen, deren Mütter während der Schwangerschaft HPTs eingenommen hatten, um rechtliche Schritte gegen den Hersteller, Schering AG, einzuleiten. Inzwischen sind HPTs, seit Jahrzehnten vom Markt verschwunden, doch haben Archivfunde Kampagnen wie auch juristische und wissenschaftliche Untersuchungen kürzlich neu entfacht. Ziel unseres Projektes ist ein differenzierteres historisches Verständnis von HPTs um auf diesem Weg einen tieferen Einblick in die westdeutschen Ursprünge der Antibabypille sowie internationale Debatten zur Medikamenteneinnahme während der Schwangerschaft und zum Spektrum Fehlbildungen ‚nach Thalidomid‘ zu gewinnen.

 

 

 

Eine Wissenschaftsgeschichte „gefährlicher“ Geburten im 19. und frühen 20. Jahrhundert


Prof. Dr. Karen Nolte

 

Ausgehend von der wissenschaftlichen Erschließung der Beckensammlung der Medizinhistorischen Sammlungen in Würzburg wird danach gefragt, wie die im 19. Jahrhundert noch junge medizinische Teildisziplin der Geburtshilfe mit Geburten umging, die einen tödlichen Ausgang entweder für die Gebärende oder das Ungeborene bzw. für beide haben konnten. Zu den häufigsten Ursachen einer Geburt mit schweren Komplikationen waren verengte und verformte Beckenknochen in Folge von weit verbreiteter Rachitis. Daher hatte die Forschung über das weibliche Becken im 19. Jahrhundert in der akademischen Geburtshilfe eine herausragende Bedeutung. In dem Forschungsvorhaben wird zum einen diese Forschung rekonstruiert, zum anderen nach den Konsequenzen gefragt, die Geburtshelfer aus ihren Erkenntnissen zogen. Bei einem verengten Becken blieb den Geburtshelfern meist nichts Anderes übrig, als abzuwarten bis entweder die Gebärende oder das Kind im Mutterleib verstarb, um dann entweder einen Kaiserschnitt auszuführen oder eine Embryotomie.

Diese schwierige und belastende Situation führte dazu, dass die Forscher nach Lösungen suchten, um möglichst das Leben beider zu retten. Doch konnte in Regel nur die Frau oder das Kind geburtshilfliche Inventionen bei sogenannten „künstlichen Geburten“ überleben. Das Projekt beschäftigt sich demzufolge auch mit den ethischen Überlegungen und Kontroversen, die sich als Konsequenz „künstlicher Geburten“ ergaben. Mit der Diskussion um die „künstliche Frühgeburt“, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter Geburtshelfern entbrannte, leistet das Projekt auch einen Beitrag zur Geschichte des Schwangerschaftsabbruchs. Anschließend daran werden medizinische Konzepte der Empfängnisverhütung, die noch in den 1920er Jahren als „temporäre Sterilisierung“ bezeichnet wurde und einer medizinischen Begründung bedurfte, mit Blick auf Praktiken und Objekte untersucht.

 

 


Genomeditierung: Keimbahninterventionen als Eingriffe in die menschliche Natur

 

Dr. Nadia Primc

 

Mit CRISPR steht eine Technologie zur Verfügung, die gezielte Eingriffe in die menschliche Keimbahn zum ersten Mal auch zu einem Teil der klinischen Praxis werden lassen könnte. Keimbahneingriffe gelten zum einen aufgrund der hiermit verbundenen Risiken als ethisch bedenklich. Zum anderen werden Keimbahneingriffe auch unabhängig von Sicherheitsbedenken als ethisch fragwürdig angesehen. Derartige Einwände werden zumeist dadurch gerechtfertigt, dass Keimbahneingriffe schwerwiegende Eingriffe in grundlegende Rechte von Personen oder aber die menschliche Natur darstellen.
Im Fokus des Forschungsvorhabens stand die zweite Gruppe von Einwänden und damit die Frage, inwiefern Keimbahneingriffe über Sicherheitsbedenken hinaus als ethisch fragwürdig anzusehen sind. Ein besonderes Augenmerk wurde hierbei auf zwei Teilaspekte gelegt, nämlich zum einen die Vorstellung, dass Keimbahneingriffe schwerwiegende Eingriffe in die menschliche Natur darstellen, zum anderen der Einwand, dass zukünftigen Generationen ein Recht auf ein unmanipuliertes Genom zugesprochen werden muss. Wesentliche Ergebnisse wurden in zwei Publikationen festgehalten: Primc 2019, https://doi.org/10.1111/bioe.12608; Primc 2018, https://doi.org/10.1007/978-3-658-22660-2_7