Die Public Health-Ethik befasst sich mit normativen Aspekten und Herausforderungen von Public Health-Maßnahmen. Public-Health-Maßnahmen werden z.B. durch staatliche Stellen ausgeführt und dienen dem Schutz oder der Förderung der Gesundheit einer breiten Gruppe von Menschen (gesamte Bevölkerung/einzelne Bevölkerungsgruppen). Darunter fallen etwa Gesetze (wie die Tabaksteuer), staatliche Förderung von gesundem Essen, Impfkampagnen oder Screening-Angebote. Die Public Health-Ethik beschäftigt sich mit sehr grundlegenden Fragen wie Gleichheit/Ungleichheit der Verteilung von Gesundheit oder mit Gerechtigkeit in Pandemien. Public Health-Ethik befasst sich zudem mit der Bewertung und Fragen der konkreten Ausgestaltung bestimmter Maßnahmen: Sollten wir z.B. das Erbgut aller Babys screenen, um vererbbare Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln oder ihnen vorzubeugen? Wie sollte ein solches (momentan noch nicht angebotenes) genomisches Screening aller Neugeborenen ausgestaltet sein? Am IMDE haben wir einen besonderen Schwerpunkt auf ethischen Aspekten und Fragen, die Kinder in Public Health betreffen, z.B. Behandlung von Kindern und Jugendlichen in der deutschen Corona-Politik; oder genomisches Neugeborenen-Screening. Wir machen uns außerdem Gedanken dazu, welche ethischen Theorien und Prinzipien für die Public Health-Ethik gelten sollten. Wir untersuchen darüber hinaus sehr anwendungsbezogen ethische Herausforderungen, die bei der Forschung entstehen, z.B. datenethische Fragen in konkreten Forschungsprojekten bei der Erzeugung, Sammlung und Nutzung epidemiologischer und anderer Daten.
Projekte
Generation Genom - Dein Code. Deine Zukunft.
Moderne Genomuntersuchungen eröffnen neue Möglichkeiten für Diagnostik und Prävention, werfen aber zugleich ethische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen auf. Das Projekt Generation Genom vermittelt jungen Menschen wissenschaftlich fundiertes Wissen über Chancen, Grenzen und Risiken genetischer Untersuchungen und fördert den verantwortungsvollen Umgang mit genetischen Informationen. Hierfür entwickelt ein interdisziplinäres Team aus Humangenetik, Medizinethik, Psychologie und Wissenschaftskommunikation digitale Formate wie Kurzvideos, Podcasts und interaktive Livestreams. Das Projekt wird durch eine sozialwissenschaftliche Begleitstudie evaluiert, die untersucht, wie die Angebote von der Zielgruppe wahrgenommen werden und welchen Einfluss sie auf Wissen, Einstellungen und den reflektierten Umgang mit genetischen Informationen haben. Ziel ist es, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten und den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit über die Zukunft der Genommedizin zu fördern.
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Public Health von Kindern und Jugendlichen
Wenn es um Public Health Forschung und Maßnahmen geht, sind Kinder und Jugendliche häufig unterrepräsentiert. Zum Einen, weil sie häufig nicht an politischen Entscheidungen beteiligt sind (Partizipation), obwohl ihnen gemäß UN-Kinderrechtskonvention ein Recht auf Partizipation, auch in Gesundheitsfragen und öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen, zusteht und sie keine eigene Lobby besitzen. Zum anderen unterscheiden sich ihre Bedürfnisse in ihren vielfältigen physischen, psychischen, sozialen, emotionalen und kognitiven Dimensionen von denen Erwachsener und je nach Entwicklungsstand und bringt damit eine gewisse Komplexität mit. Je nach Entwicklungsstand unterscheidet sich auf der anderen Seite auch ihre Autonomie bzw. Fähigkeit, selbst zu bestimmen, was in ihrem besten Interesse ist, und entsprechend auch die Ansprüche an die Gestaltung ihrer Partizipation.
In diesem Rahmen beschäftigen wir uns aktuell mit Fragen nach den ethischen Aspekte von und Grundlagen für Public Health Politik für Kinder und Jugendlichen: Welche Rechte haben Kinder und Jugendliche in Bezug auf Gesundheit? Welche Pflichten und Verantwortung haben der Staat, die Eltern, die Gesellschaft und auch Unternehmen gegenüber Kindern? Dürfen Kinder z.B. Zielgruppe von Werbung für ungesunde Lebensmittel sein? Welche Partizipationsrechte haben Kinder und Jugendliche und wie sollte die Partizipation entsprechend verschiedener Entwicklungsstufen gestaltet sein? In welchen Bereichen der öffentlichen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bedarf es noch weiterer Forschung? Wie steht es vor allem auch um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen? Und schließlich die übergreifende Frage: Welche Public Health Formate und Themen wären auf Basis der derzeitigen Forschung für Kinder und Jugendliche wünschenswert?
Publikationen
Jungkunz M, Schickhardt C.: Ethics of genomic newborn screening – a child centered public health framework, Ethik in Medizin, 37, 331–359, 2025. DOI:10.1007/s00481-025-00867-4
Schickhardt C.: Kinder unter der Corona-Politik: Opfer von System, Wellen und Peaks. Ein Diskussionsbeitrag; In: Frühe Kindheit, 24. Jahrgang, 02/2021.
Schickhardt C.: Das Kindeswohl als Entscheidungskriterium in der Medizin In: Ludwigshafener Ethische Rundschau, Nr. 1, 19-24, 2017.
Schickhardt C.: Eating Disorders in Minors and the Role of the Media. An Ethical Investigation, In: Justice, Education and the Politics of Childhood. Challenges and Perspectives, hrsg. von Drerup, J., Graf, G./Schickhardt, C./Schweiger, G., Springer, 65-86, 2016.
Vorträge (Auswahl)
08.05.2025 Keynote-Vortrag: Die Rechte und das Wohl der Kinder als Patienten und Bürger – eine kinderethische Perspektive, 17. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM), Ernst-von-Bergmann-Klinikum, 07. – 09.05.2026, Potsdam.
25.04.2026 Mental Health bei Kindern und Jugendlichen: Ethische Aspekte, Frankfurter Forum – Frühjahrstagung 2026: Generationengerechte Versorgung II: Versorgung von Kindern und Jugendlichen – sind wir für morgen gut aufgestellt?, 24. – 25.04.2026, Fulda.
10.10.2025 Ethik des genomischen Neugeborenen-Screenings – Ansätze einer kindzentrierten Public Health Ethik, Jungkunz M, Schickhardt C, AEM-Jahrestagung 2025, 9. – 11. Oktober 2025, München.
09.10.2025 (K)ein Recht auf Gesundheit? Kinder in Public Health, Schickhardt C, Schweer J, Winkler EC, AEM-Jahrestagung 2025, 9.–11. Oktober 2025, München.
24.06.2025 Eröffnungsvortrag: The rights and well-being of children with disabilities, IAACD & EACD Kongress 2025, Alte Aula, Universität Heidelberg.
02.04.2025 Kinder in Public Health: Ethische Grundlagen, 74. Wissenschaftlicher Kongress & 11. Bayerischer Kongress für den Öffentlichen Gesundheitsdienst, Universität Erlangen.
12.09.2024 Vortrag zum Thema: Kranke Kinder haben Rechte, im Kaisersaal des Frankfurter Römers.
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Kinder und Jugendliche während der Corona-Pandemie
Wir setzen uns mit ethischen Aspekten der Corona-Pandemie in Bezug auf Kinder und Jugendliche auseinander. Während der Corona-Pandemie wurden Kinder und Jugendliche erst spät als Betroffenengruppe ins Auge gefasst. Sie wurden nicht in Entscheidungen einbezogen und erst spät wurden etwa die psychischen Folgen von Schulschließungen und Isolation für Kinder und Jugendliche einbezogen. Eine öffentliche kritische Reflexion von Seiten der Institutionen, die zu dieser Zeit maßgeblich in der wissenschaftlichen Politikberatung tätig waren, wie z.B. der Leopoldina, hierzu fehlt weitestgehend bis heute (Dr. Christoph Schickhardt schreibt hier mehr dazu). Diese und andere Aspekte der Gesundheit und Rechte von Kindern und Jugendlichen während und nach der Pandemie reflektieren wir daher aus ethischer Perspektive.
Publikationen
Nicht systemrelevant. Eine Aufarbeitung der Corona-Politik aus kinderethischer Sicht, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2024.
[Dieses Buch erscheint auch als Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2025; Schriftreihe, Bd. 11192]
Schickhardt C: Aufarbeitung ohne Blick zurück? Gastbeitrag, In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online, 02.12.2025.
Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Evidenz ist nur ein Teil, geführt mit Joachim Müller-Jung, online, 03.12.2025.
Interview im Tagesspiegel (Background), Kinder und Corona: Indifferenz und Distanz geschaffen, von Heile Haarhoff, 06.2024.
Interview in Stuttgarter Zeitung, Es wurde massiv gegen Kinderrechte verstoßen, geführt mit Lisa Welzhofer, Nr. 122, S. 14, 05.2024.
Interview in Chrismon: Lehren aus der Corona-Pandemie: Können Eltern für ihre Kinder wählen? Von Nils Husmann, 18.04.2024.
Schickhardt C: Ungerechtigkeit als System. […] Kinder als die großen Verlierer der Pandemie […]. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, S. 9 (Aufmacher-Feuilleton), 23.2.2021.
Vorträge (Auswahl)
24.04.2026 Kinder und Jugendliche in der Corona-Politik. Eine ethische Kritik, Sitzung zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie, Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, online.
12.03.2026 Organisierte Selbstzufriedenheit? Wie die Wissenschaft ihr Handeln während der Corona Pandemie (nicht) aufarbeitet, Vortragsreihe Szientismus, online.
10.10.2025 Ethik des genomischen Neugeborenen-Screenings – Ansätze einer kindzentrierten Public Health Ethik, Jungkunz M, Schickhardt C, AEM-Jahrestagung 2025, 9. – 11. Oktober 2025, München.
22.10.2024 Nicht systemrelevant? Die Rechte der Kinder in Theorie und Praxis, Schickhardt C, Vortrag in einer Ringvorlesung an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Kinderrechte Konkret! Wie die Umsetzung von Kinderrechten in die Praxis gelingen kann, Universität Magdeburg-Stendal.
26.06.2024 Kinder und Jugendliche – die großen Verlierer der Corona-Pandemie?, Schickhardt C, Vortrag im Rahmen der Reihe Medizin im Dialog, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, JLU Gießen, Zentrum für Psychiatrie, Hörsaal, Klinikstraße 36, Gießen.
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Abgeschlossene Projekte
NEW_LIVES (Genomische Neugeborenen-Screening-Programme - Rechtliche Implikationen, Werte, Ethik und Gesellschaft)
Im Rahmen des Neugeborenen-Screenings werden in Deutschland seit den 1960er Jahren nahezu alle Neugeborenen auf eine Reihe seltener, aber schwerer Erkrankungen getestet, da eine frühe Diagnose und rechtzeitige Behandlung den Verlauf und die Prognose dieser Erkrankungen deutlich verbessert. Vielen jungen Patient:innen konnte so geholfen werden. Der Erfolg dieses Vorsorgeprogramms verdankt sich auch dem Umstand, dass es immer wieder um neue Analysemethoden und Zielkrankheiten erweitert wurde. Das Heranreifen neuer genomischer Technologien bietet nun die Chance, das Neugeborenen-Screening erneut und auf besonders signifikante Weise zu erweitern. Zugleich sind hiermit erhebliche Herausforderungen medizinischer, ethischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Art verbunden.
Ist ein genomisches Neugeborenen-Screening (gNBS) eine sinnvolle Option für Deutschland? Wie lassen sich die gesundheitlichen Chancen nutzen, die die neuen Technologien eröffnen, und gleichzeitig mögliche Risiken für alle Beteiligten minimieren? Diesen Fragen widmet sich das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Verbundprojekt "NEW_LIVES: Genomische Neugeborenen-Screening-Programme - Rechtliche Implikationen, Werte, Ethik und Gesellschaft (Genomic NEWborn screening programs - Legal Implications, Value, Ethics and Society)", das gemeinsam von Forscher:innen des Universitätsklinikums Heidelberg und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg sowie der Universität Mannheim und in enger Abstimmung mit Vertreter:innen von Patient:innenverbänden durchgeführt wird.
Weitere Informationen finden Sie auf unserer Website:
NEW_LIVES: Genomic Newborn Screening Programs
KontaKt
- Prof. Dr. med. Dr. phil. Eva C. Winkler (Projektleitung)
- Karla Alex (Projektkoordination; wissenschaftliche Mitarbeiterin im ethischen Teilprojekt):
karla.alex(at)med.uni-heidelberg.de
T: +49 6221 56-37216
Förderung
Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR; ehemals BMBF), Rahmenprogramm Gesundheitsforschung, Förderung von Forschungsprojekten zu ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Aspekten in den Lebenswissenschaften (2022–2025; 36 Monate)
Projektgruppe (beteiligte Einrichtungen und Forscher)
Universität Heidelberg:
- Section for Translational Medical Ethics, National Center for Tumor Diseases, Department of Medical Oncology, Heidelberg University Hospital, Heidelberg University, Im Neuenheimer Feld, 460, Heidelberg 69120, Germany
Prof. Dr. med. Dr. phil. Eva C. Winkler
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Karla Alex; Sascha Settegast M.A.
- Institute of Medical Psychology, Heidelberg University Hospital, Heidelberg University, Germany
Prof. Dr. phil. Beate Ditzen
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. phil. Julia Mahal; Msc. Psych. Seraina Lerch; Psych. Elena Sophia Doll (Doktorandin)
- Institute of Human Genetics, Heidelberg University Hospital, Heidelberg University, Germany
Prof. Dr. med. Christian Schaaf
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: (Ärztin und Wissenschaftlerin): Dr. Nicola Dikow
- Division of Child Neurology and Metabolic Medicine, Center for Pediatric and Adolescent Medicine, Heidelberg University Hospital, Heidelberg University, Germany
Prof. Dr. med. Stefan Kölker
Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Ärztin und Wissenschaftlerin): PD Dr. med. Ulrike Mütze
Universität Mannheim:
- Institute of German, European and International Medicine Law, Health Law and Bioethics (IMGB) of the Universities of Heidelberg and Mannheim; Chair of Public Law, Law of Economic Regulation and Media, Department of Law, University of Mannheim
Prof. Dr. Ralf Müller-Terpitz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Doktorandin): Hannah Straub - Internationaler Beirat (Patientenvertreter, Partnerprojekt, angegliederte Forscher)
Patient:innen-Vertretung:
- Tobias Hagedorn (Patient Representative German Interest Group Phenylketonuria and Related Metabolic Disorders, DIG PKU);
- Henriette Högl, Annette Mund (Patient Representatives, German Children's Network, Kindernetzwerk e.V.)
Projektpartner U.S.:
- Jonathan Berg (UNC School of Medicine, NC NEXUS)
Projektbeirat:
- Vincent Heuveline (Head of Engineering Mathematics and Computing Lab, Heidelberg University; Chief Information Officer of Heidelberg University; Director of the Computing Centre);
- Georg F. Hoffmann (Medical Director of Department of General Pediatrics, Neuropediatrics, Metabolism, Gastroenterology, Nephrology, Heidelberg University; Spokesperson of Screening Commission, German Society for Pediatrics and Adolescent Medicine);
- Gerrit Hornung (Head, Department of Public Law, IT Law and Environmental Law, University of Kassel);
- Josephine Johnston (Director of Research, The Hastings Center);
- Jan Korbel (Head, Data Science, Group Leader, European Molecular Biology Laboratory);
- Maximilian Muenke (CEO, American College of Medical Genetics and Genomics, Newborn Screening Translational Research Network);
- Christian Netzer (Head, Clinical Human Genetics, Molecular Genetic Diagnostics, University Cologne, Spokesperson Commission for Basic Positions and Ethical Issues, German Society of Human Genetics);
- Christoph Rehmann-Sutter (Deputy Director, Institute for History of Medicine and Science Studies, University of Luebeck)
- Jochen Taupitz (Director, Institute for German, European and International Medical Law, Health Law and Bioethics, Universities of Heidelberg and Mannheim)